Staatsbilanz

Stadt/Chemnitz/Finanzrisiko

32 Millionen Euro für 1 Euro Ersparnis

Chemnitz will am Weißen Weg eine leere Halle für Biomüll umbauen und Kredite aufnehmen, spart aber nur 1 Euro pro Tonne Biomüll

Was ist passiert?

Am Weißen Weg im Nordosten von Chemnitz liegt eine Deponie. Dort lief bis Mai 2025 eine Restabfallbehandlungsanlage, die nach rund 20 Jahren am 31.5.2025 stillgelegt wurde. Zurück blieb eine Halle von etwa 6.000 Quadratmetern. Ihr Abriss könnte die Stadt nach eigener Schätzung bis zu 4,96 Mio. Euro kosten.

Die Stadt will die Halle deshalb zur Biogutvergärung umbauen. Der städtische Abfallbetrieb ASR soll die Anlage planen, bauen und betreiben, Inbetriebnahme ist für 2029 vorgesehen. Die Erstinvestition beträgt rund 20 Mio. Euro. Nach 15 Jahren sollen weitere 12 Mio. Euro für neue Maschinen und Elektrotechnik folgen, zusammen also 32 Mio. Euro. Weil dem ASR eigene Mittel fehlen, soll alles über Kredite laufen, mit durchschnittlich 450.000 Euro Zinsen im Jahr. Als Gewinn führt die Stadt stabile Gebühren, Klimaschutz, Entsorgungssicherheit und den vermiedenen Rückbau an.

Die eigene Rechnung fällt nüchterner aus. Bisher kompostieren Betriebe im Umland den Chemnitzer Bioabfall für 76 Euro je Tonne. Die neue Anlage käme auf 75 Euro. Bei 27.500 Tonnen im Jahr sind das 27.500 Euro Vorteil (1 Euro mal 27.500 Tonnen). Dem steht der Erlös aus dem Biomethan gegenüber, kalkuliert mit 99 Euro je Megawattstunde. Dieser Preis stammt aus einem unverbindlichen Angebot eines Energieversorgers. Schwankt er um 9 Euro, ändern sich die Kosten um 6 Euro je Tonne, also um 165.000 Euro im Jahr. Das ist das Sechsfache des ganzen Vorteils.

Auch die Baukosten sind auf dem Stand von 2022 gerechnet, mit einer Abweichung von plus/minus 20 Prozent und einem Puffer von 15 bis 20 Prozent. Die Anlage ist für 30.000 Tonnen ausgelegt, sicher sind aber nur etwa 27.500. Die Reserve soll über Restabfall und gewerbliche Mengen von außerhalb gefüllt werden. Die Landesdirektion Sachsen steht dem Projekt neutral gegenüber und kann die Kredite nicht im Voraus zusagen. Der Stadtrat sollte den Grundsatzbeschluss am 28.1.2026 fassen.

Kritik

Wer 32 Mio. Euro Schulden aufnimmt, um eine Tonne einen Euro billiger zu entsorgen, hat sich verrechnet oder verschweigt etwas. Schon ein kleiner Rückgang beim Methanpreis oder ein Plus bei den Baukosten frisst den Vorteil auf und lässt die Gebühren steigen. Die vermiedenen Rückbaukosten sind ein Argument für die Nachnutzung der Halle, aber nicht für diese Nachnutzung. Die Stadt hätte zuerst günstigere Wege prüfen müssen: einen Neubau der Kompostierungsverträge über die Ausschreibung, kleinere Lösungen oder einen Partner, der das Risiko trägt. Gebührenzahler sollten nicht ein Vierteljahrhundert für eine Rechnung haften, die auf einem unverbindlichen Angebot und einer Kostenbasis von 2022 beruht.

B-116/2025: Grundsatzbeschluss über das Nachnutzungskonzept der ehemaligen Restabfallbehandlungsanlage des AWVC am Weißen Weg, Ratsinformationssystem der Stadt Chemnitz, 28. Januar 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

Weitere Vorgänge aus Chemnitz

  1. 07.10.2026ChemnitzAusgabe mit Nachfrage Chemnitz: Sechs Bäume für 250.000 Euro 250.000 € Im Zentrum von Chemnitz sollen sechs Bäume auf dem Neumarkt mindestens 250.000 Euro kosten, anderswo gäbe es dafür 80 bis 90 Bäume
  2. 24.09.2026Chemnitz Altes Wohnhaus in Chemnitz fast doppelt so teuer 4,06 Mio. € Die Sanierung des Landhauses Karl-Schmidt-Rottluff in Chemnitz kostet 4,06 statt geplanter 2,24 Millionen Euro und wurde 18 Monate später fertig
  3. 27.05.2026Chemnitz Sportinternat Chemnitz: 90 Euro mehr 308.000 € Eltern in Chemnitz zahlen für ein Internatszimmer 350 statt 260 Euro im Monat, doch 33 der 182 Betten stehen im Schnitt leer

Neue Vorgänge per E-Mail

Auswahl ändern

Neue Vorgänge per E-Mail

Bestätigung per E-Mail, Abmeldung jederzeit. Datenschutz