Kassel zahlt 78,6 Millionen für Schule
Kassel mietet sein neues Gymnasium 30 Jahre zurück: 78,6 statt 37 Millionen Euro Baukosten, zahlen muss die Stadt auch bei unfertigem Haus
Was ist passiert?
Das Wilhelmsgymnasium im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe steht auf einem Gelände von rund 15.500 Quadratmetern und soll einmal bis zu 1.440 Schülerinnen und Schüler aufnehmen. Dafür ist als erster Bauabschnitt ein dreigeschossiger Holz-Hybrid-Neubau für rund 30 Klassen der Jahrgänge 5 bis 9 geplant. Er soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2029 fertig sein.
Gebaut wird nicht von der Stadt selbst, sondern von ihrer Immobiliengesellschaft SKI. Die Stadt mietet das Haus danach für 30 Jahre zurück. Die Baukosten sind mit 37 Mio. Euro angesetzt, dazu kommt eine Toleranz von bis zu 18 Prozent, also weitere 6,66 Mio. Euro. Die Miete beträgt zunächst 2.757.599,76 Euro im Jahr und sinkt ab dem elften Jahr auf 2.550.380,88 Euro. Das ergibt 10 × 2,76 Mio. plus 20 × 2,55 Mio., zusammen rund 78,6 Mio. Euro. Das ist mehr als das Doppelte der Bausumme, nämlich rund 41,6 Mio. Euro darüber. Je Klasse zahlt die Stadt rechnerisch etwa 92.000 Euro im Jahr (2,76 Mio. geteilt durch 30). Hinzu kommt eine Instandhaltungsmiete von voraussichtlich 80.000 Euro jährlich, und Mobiliar ist nicht einmal enthalten.
Die SKI verkauft ihre Mietforderungen an Helaba und Kasseler Sparkasse. Nur so seien „kommunalkreditähnliche“ Konditionen zu erreichen, lautet die Begründung der Verwaltung. Den Preis dafür zahlt die Stadt in Form einer Erklärung: Sie verzichtet „unbedingt und unwiderruflich“ auf alle Einwendungen und Einreden aus dem Mietvertrag. Zahlen muss sie „unabhängig von der Fertigstellung und/oder Abnahme und/oder Nutzbarkeit“ des Gebäudes. Wird der Vertrag vorzeitig beendet, schuldet sie den offenen Barwert der Mieten plus Vorfälligkeitsentschädigung.
Die Stadtverordneten stimmten am 2. Februar 2026 mehrheitlich zu. Die Linke und ein Stadtverordneter lehnten ab, die AfD enthielt sich. Die Genehmigung des Regierungspräsidiums stand noch aus.
Kritik
Die Stadt trägt am Ende alle Zahlungspflichten, ohne dafür die Rechte eines Mieters zu behalten. Wer auch bei Verzug, Mängeln oder unfertigem Haus zahlen muss, hat sich der wichtigsten Druckmittel gegenüber Bauherrin und Planern selbst beraubt. Ein Schulneubau, der mit 37 Mio. Euro angesetzt ist und die Stadt über 30 Jahre rund 78,6 Mio. Euro kostet, hätte offen gegen den Eigenbau mit eigener Kreditaufnahme gerechnet werden müssen. Eine Konstruktion, die nur wegen der Finanzierungsform doppelt so teuer wird, gehört nicht in eine Schulbauplanung.
101.19.1664: Magistratsvorlage Wilhelmsgymnasium Kostenmiete (Miete I), Einredeverzichtserklärung mit abstraktem Schuldanerkenntnis und Forderungskaufvertrag, Ratsinformationssystem der Stadt Kassel, 2. Februar 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.