Mannheim: Netze statt neuer Schulen
Mannheim zahlt 5,8 Mio. Euro, um bröckelnde Fassaden an zwei Berufsschulen zu sichern, weil ein Gutachten drei Jahre dauerte
Was ist passiert?
Am Neckarufer in Mannheim liegen vier berufliche Schulen dicht beieinander. Zwei davon, die Carl-Benz-Schule und die Werner-von-Siemens-Schule, besuchen zusammen rund 2.850 Schülerinnen und Schüler. Beide Gebäude stammen aus den Jahren 1973 bis 1976 und sind dringend sanierungsbedürftig. 2021 hatte die Stadt dafür einen Plan: Über eine Rochade sollten beide Schulen nacheinander neu gebaut werden. Sie sollten kompakter werden als bisher und damit zu einer Schülerzahl passen, die laut Prognose um rund 20 Prozent sinken wird.
Für die Förderung wollte das Land allerdings belegt sehen, dass sich die alten Gebäude nicht mehr sanieren lassen. Im Mai 2022 wurde daher ein Gutachten beauftragt. Fertig war es Mitte 2025, danach folgten noch umfangreiche Abstimmungen. Das Ergebnis nach rund drei Jahren lautete: Die Gebäude sind grundsätzlich sanierungsfähig. Untersucht wurde dafür nur die Werner-von-Siemens-Schule. Bauteile wurden nicht geöffnet, die Bewertung beruht auf „alterstypischen Annahmen“. Mit diesem Befund war der Neubauplan förderrechtlich erledigt.
Während der Gutachter arbeitete, arbeitete auch der Rost. Von den Fassaden platzt Beton ab, gesichert wird mit Fangnetzen und Planen. Geschädigte Brüstungen sollen binnen drei Jahren abgerissen werden. Die Brandschutzklappen der Lüftung funktionieren wegen Asbestbelastung derzeit nicht. Für solche Notmaßnahmen soll der Gemeinderat nun 5,8 Mio. Euro für die Jahre 2026 bis 2028 bewilligen, ausdrücklich ohne jede qualitative Verbesserung der Gebäude. Je Schüler der beiden Schulen sind das rund 2.000 Euro (5,8 Mio. Euro geteilt durch 2.852). Weitere Auflagen könnten hinzukommen, warnt die Verwaltung.
Wie es danach weitergeht, ist offen. Das Gutachten stuft die Sanierung als wirtschaftlichste Lösung ein. Trotzdem will die Verwaltung 2026 und 2027 erst intern prüfen, ob die Schulen saniert, in leerstehende Gebäude verlagert oder anderswo neu gebaut werden. Bei einer Verlagerung entfiele voraussichtlich die Landesförderung von bis zu 87 Prozent, zudem bräuchte es ein zusätzliches Werkstattgebäude.
Kritik
Drei Jahre für ein Gutachten, das ohne Bauteilöffnungen auskam, sind zu viel Zeit für Schulen, von deren Fassaden der Beton bröckelt. Diese verlorenen Jahre werden nun mit 5,8 Mio. Euro für Netze, Rückbau und Provisorien bezahlt. Wer jetzt noch einmal zwei Jahre Alternativen prüft, obwohl das eigene Gutachten die Sanierung empfiehlt und voraussichtlich nur sie gefördert wird, riskiert die nächste Runde teurer Notmaßnahmen. Die Stadt muss zügig entscheiden und dann bauen.
V304/2026: Berufliche Schulen an der Neckaruferbebauung - Umsetzung Sofortmaßnahmen zur Sicherstellung des Weiterbetriebs der Schulen, Ratsinformationssystem der Stadt Mannheim, 1. Oktober 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.