Umgehungsstraße bei Pirna zum dreifachen Preis
Der Bund zahlt für 3,8 Kilometer Umgehungsstraße bei Pirna 288,4 Mio. Euro statt der geschätzten 96,6 Mio. Euro
Was ist passiert?
Wer von Pirna in Richtung Bad Schandau oder zur tschechischen Grenze will, fährt bislang durch die Innenstadt. Eine 3,8 Kilometer lange Südumfahrung im Zuge der Bundesstraße 172 soll das Zentrum vom Durchgangsverkehr befreien. Ihre markantesten Bauwerke sind der 315 Meter lange Kohlbergtunnel und die 916 Meter lange Gottleubatalbrücke. Der erste Spatenstich erfolgte im August 2017.
Im selben Jahr schätzte die Auftragsverwaltung in Sachsen die Kosten auf 96,6 Mio. Euro. Die Kostenberechnung von 2025 kommt auf 288,4 Mio. Euro, also fast das Dreifache. Je Kilometer Straße sind das rund 76 Mio. Euro statt gut 25 Mio. Euro (288,4 bzw. 96,6 Mio. Euro geteilt durch 3,8 Kilometer). Allein die Nachträge summieren sich auf knapp 135 Mio. Euro und liegen damit rund 40 Prozent über der gesamten ursprünglichen Schätzung. Woher die Mehrkosten von knapp 192 Mio. Euro im Einzelnen stammen, bleibt offen. Eine belastbare Zuordnung zu Preissteigerungen, Planungsänderungen oder Bauschwierigkeiten sei nicht möglich, erklärt die Bundesregierung.
Auch der Zeitplan hat sich gedehnt. 2020 war die Fertigstellung für 2022 vorgesehen. Wegen der Geologie am Kohlbergtunnel wurde daraus 2023, wegen einer geänderten Ausführungsplanung der Brücke dann 2026. Noch im November 2025 war von einer Freigabe im Oktober 2026 die Rede.
Im April 2026 stellte die ausführende Arbeitsgemeinschaft dann Mängel an vier Stahlbetonvouten der Gottleubatalbrücke fest. Beim Betonieren war Schalungsmaterial nicht vollständig entfernt worden. Die Standsicherheit sei nicht gefährdet, die Reparatur zahle der Auftragnehmer, heißt es aus Berlin. Was die Mängelbeseitigung kostet und was die verlängerte Bauzeit zusätzlich verschlingt, kann die Bundesregierung nicht sagen. Angestrebt wird nun eine Freigabe 2027, sofern das Wetter die Reparatur zulässt. Lehren aus dem Projektverlauf will man erst nach dessen Abschluss ziehen.
Kritik
Eine Kostenschätzung, die am Ende um fast 192 Mio. Euro verfehlt wird, taugte nicht als Grundlage für die Entscheidung über dieses Projekt. Wenn sich die Ausgaben verdreifachen und der Bund nicht einmal sagen kann, welcher Anteil auf welche Ursache entfällt, fehlt es an wirksamer Kostenkontrolle. Dass trotz eigens beauftragter Bauüberwachung Schalungsreste in tragende Brückenbauteile gelangten, rundet das Bild ab. Bei Straßenbauprojekten dieser Größe müssen die Kosten von Beginn an realistisch kalkuliert und Mehrkosten laufend nach Ursachen erfasst werden, statt Lehren erst nach Bauende ziehen zu wollen.
Drucksache 21/8644: Antwort auf die Kleine Anfrage - Drucksache 21/8288 - Bauverzögerungen, Baumängel und Kostenentwicklung bei der Bundesstraße 172 - Südumfahrung Pirna, Antworten auf Kleine Anfragen, 14. Oktober 2026. Zahlen gegen das Dokument geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand des Dokuments; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.