Zehn Monate Sperre, Bahnstrecke nicht fertig
Der Bund ließ die Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin über zehn Monate sperren, danach brauchten Züge im Schnitt 23 Minuten länger
Was ist passiert?
Die Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin verbindet die beiden größten Städte des Landes. Allein auf dem Brandenburger Abschnitt sind rund 10.000 Pendler auf sie angewiesen. Nach dem neuen Konzept der Korridorsanierung sollte hier alles in einem Aufwasch erledigt werden, danach versprach man fünf Jahre Ruhe. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium nannte das Vorhaben einen „Gradmesser“.
Gemessen wurde vor allem die Zeit. Ursprünglich waren sieben Monate Vollsperrung von Juni bis Dezember 2025 vorgesehen. Noch vor Baubeginn rutschte der Zeitraum auf August 2025 bis April 2026. Durchgehend befahrbar war die Strecke schließlich erst am 14. Juni 2026. Mehr als zehn Monate lang fuhr dort kein Personen- und kein Güterzug, also mindestens drei Monate länger als zuerst angekündigt. Die Bundesregierung verweist auf außergewöhnliches Winterwetter und sieht keinen Anlass, künftig großzügigere Puffer einzuplanen.
Fertig war die Strecke auch am Stichtag nicht. Vier von fünf Zentralen der Linienzugbeeinflussung waren noch nicht abgenommen, die Fahrt zwischen den Hauptbahnhöfen dauerte deshalb im Schnitt 23 Minuten länger. An mehreren Stationen gingen Aufzüge erst im Herbst in Betrieb. Das angestrebte Zielbild erreichten bis Ende August nur 8 der 28 Bahnhöfe.
Was die Verzögerung gekostet hat, bleibt unter Verschluss. Das Ministerium erklärt die Zahlen zum Geschäftsgeheimnis der DB InfraGO und hat sie als „VS-Vertraulich“ in der Geheimschutzstelle des Bundestages hinterlegt. Bekannt ist nur, wer bezahlt: das Sondervermögen Infrastruktur, das eigentlich zusätzliche Investitionen finanzieren soll.
Und die versprochene Ruhe? In Schwanheide, Pritzier, Brahlstorf und Boizenburg sollen die Bahnsteige erst nach Ablauf der Baufreiheit angehoben werden. Ab 2031 will die DB InfraGO den Korridor zudem mit dem Zugsicherungssystem ETCS ausrüsten. Ob dafür erneut gesperrt werden muss, kann die Bundesregierung noch nicht sagen.
Kritik
Eine monatelange Vollsperrung lässt sich nur rechtfertigen, wenn danach tatsächlich alles erledigt ist. Wer Bahnsteige an vier Stationen und die neue Zugsicherung auf spätere Projekte verschiebt, belastet Pendler und Steuerzahler ein zweites Mal. Die Mehrkosten einer Verspätung aus einem Topf für zusätzliche Investitionen zu begleichen, macht das Sondervermögen zum Ausgleichsfonds für Planungsfehler. Künftige Korridorsanierungen brauchen realistische Zeitpläne und einen Bauumfang, der alles Absehbare in einer einzigen Sperrung erledigt.
Drucksache 21/8359: Antwort auf die Kleine Anfrage - Drucksache 21/7973 - Bilanz der Korridorsanierung der Strecke Hamburg-Berlin, Antworten auf Kleine Anfragen, 6. Oktober 2026. Zahlen gegen das Dokument geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand des Dokuments; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.