Wetzlarer Tunnel kostet mehr, als er nützt
Der Bund plant bei Wetzlar einen Straßentunnel für fast 560 Millionen Euro, der nach 100 Millionen Mehrkosten wohl weniger nützt als kostet
Was ist passiert?
Die B 49 verbindet die Großräume Köln und Dresden und führt mitten durch Wetzlar, auf einer Hochstraße über mehrere Brücken. Diese sind baufällig und sollen bis 2035 abgerissen werden. Für den Ersatz hat sich das Bundesverkehrsministerium früh festgelegt: Ein Tunnel westlich der Stadt soll es werden, Kostenpunkt 559,5 Mio. Euro.
Wirtschaftlich war dieser Favorit schon auf dem Papier ein Grenzfall. 2021 errechnete das Ministerium ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,09. Jeder investierte Euro sollte also gerade einmal 1,09 Euro Nutzen stiften. Seither sind die Kosten um über 100 Mio. Euro gestiegen, also um mehr als ein Fünftel (100 von höchstens 459,5 Mio. Euro). Grob überschlagen: Bleibt der Nutzen von damals gleich, stehen höchstens rund 500 Mio. Euro Nutzen (1,09 mal 459,5 Mio.) nun 559,5 Mio. Euro Kosten gegenüber. Damit läge der Tunnel unter der Schwelle von 1, ab der ein Projekt überhaupt als wirtschaftlich gilt. Weitere Preissteigerungen hält der Bundesrechnungshof für wahrscheinlich.
Auch der Weg zum Favoriten verdient einen zweiten Blick. Verglichen wurde der Tunnel nur mit einem Geländeeinschnitt und einer neuen Hochstraße, und zwar weitgehend in Worten statt in Zahlen. Lebenszykluskosten wurden beschrieben, aber nie berechnet. Der Bundesrechnungshof nannte das methodisch grob fehlerhaft. Das Ministerium räumte die Fehler ein und will nachrechnen.
Drei Trassen sollen in dieser Nachrechnung allerdings fehlen. Sie führen ganz oder teilweise über die bereits vierstreifig ausgebaute B 277 und durch das Industriegebiet Dillfeld und wären laut Rechnungshof deutlich günstiger. Das Ministerium hatte sie von vornherein aussortiert, vor allem weil Lkw sie meiden und weiter durch die Stadt fahren könnten. Zudem müssten zwei Logistikhallen weichen. Ein Lkw-Durchfahrverbot, wie es Stuttgart, Ulm oder Würzburg kennen, hält man im Ministerium für nicht umsetzbar. Bewerten will man die günstigeren Wege trotzdem nicht.
Kritik
Wer über eine halbe Milliarde Euro für einen Tunnel ausgeben will, der sich schon vor den Mehrkosten nur knapp rechnete, muss jede ernsthafte Alternative mit spitzem Stift prüfen. Nachteile wie Enteignungen oder Lkw-Ausweichverkehr gehören als Kosten in die Rechnung, nicht als Vorwand, eine Variante gar nicht erst anzusehen. Das Ministerium sollte alle sechs Trassen nach derselben Methode bewerten und nur die mit dem besten Verhältnis von Nutzen zu Kosten bauen.
Bemerkungen 2025: BMV muss beim Ersatz der Hochstraße Wetzlar alle Varianten im Wirtschaftlichkeitsvergleich betrachten (Nr. 11), Bundesrechnungshof, 10. Dezember 2025. Zahlen gegen das Dokument geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand des Dokuments; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.