Eine Million Euro im Glasfasernetz versenkt
Essens städtische Verkehrsgesellschaft EVV zahlte 1 Million Euro, nach der Pleite werden knapp 300 Anschlüsse abgeschaltet, Baustellen bleiben unfertig
Was ist passiert?
Schnelles Internet über Glasfaser gilt als Standortfaktor, und auch Essen wollte dabei nicht zurückstehen. Der Rat stimmte 2022 zu, dass die städtische Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (EVV) 25,1 Prozent an der Netzgesellschaft ruhrfibre übernimmt. Rund 140.000 Gebäude sollten ans Netz kommen, vermarktet zunächst exklusiv über Vodafone. Die EVV schoss 300.000 Euro Eigenkapital und 700.000 Euro als Gesellschafterdarlehen zu. Den Löwenanteil sollte der Infrastrukturinvestor CVC DIF tragen. Das Risiko sei damit auf eine Million Euro begrenzt, so die Abwägung der Verwaltung.
Begrenzt war es tatsächlich, nur eben auf eine Million. Nach gutem Start 2024 flachte der Ausbau ab. Ende Januar 2026 lagen 86.617 Gebäude in Reichweite des Netzes, angeschlossen waren 17.993. Das sind knapp 21 Prozent (17.993 geteilt durch 86.617). Vom Ausbauziel waren erst rund 62 Prozent erreicht (86.617 geteilt durch 140.000).
Dann blieb das Geld der bisherigen Finanzierungspartner aus. Ende Mai 2026 beantragte die Gesellschaft Insolvenz in Eigenverwaltung, Anfang August wurde das Verfahren eröffnet. Die Telekom kaufte das Netz. Der Geschäftsbetrieb wurde schon Ende September eingestellt, weil kein Bieter die Mitarbeiter übernehmen wollte. Den Vertrag mit Vodafone beendete die ruhrfibre, damit werden die knapp 300 aktiven Anschlüsse abgeschaltet. Rechnerisch stecken damit gut 3.300 Euro EVV-Geld hinter jedem dieser Kunden (1 Mio. Euro geteilt durch knapp 300). Auf den Verkauf hatten EVV und Stadt nach eigener Angabe keinen Einfluss.
Besonders unerfreulich sind die Baustellen. Die Gesellschaft versicherte, es bestünden keine dringenden Gefahren. Die Stadt konnte das nicht vollumfänglich bestätigen. Immer wieder werden ihr unfertige Maßnahmen mit erheblicher Unfallgefahr bekannt. Weitere Arbeiten sind insolvenzrechtlich ausgeschlossen.
Die Verwaltung sieht es positiv: Der Ausbau sei beschleunigt und der Wettbewerb geweckt worden, die Bürger profitierten vom Netz, das nun der Telekom gehört.
Kritik
Eine Minderheitsbeteiligung an einem Netz, das fast vollständig von fremden Geldgebern und einem einzigen Vermarktungspartner abhängt, ist für eine städtische Gesellschaft ein Wagnis ohne Steuerungsmöglichkeit. Wer nur Geld gibt und beim Verkauf nichts mitzureden hat, kann sich auf die Zusicherung der Mehrheitsgesellschafter nur verlassen. Wenn nur ein Fünftel der erreichbaren Gebäude angeschlossen ist, hätte das Warnsignal früh zu Nachverhandlungen oder zum Ausstieg führen müssen. Dass die Stadt nun selbst von gefährlichen, unfertigen Baustellen erfährt, zeigt zusätzlich, dass die Kontrolle der Bauarbeiten nicht ausreichte.
1621/2026/2: ruhrfibre Essen Netz GmbH & Co. KG hier: Sachstandsbericht, Ratsinformationssystem der Stadt Essen, 14. Oktober 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.