Essener Straße wird doppelt so teuer
Die neue Straße mit Straßenbahngleisen in Essen kostet 56 statt 27 Millionen Euro, weil alte Stollen im Boden nicht eingeplant waren
Was ist passiert?
Essen (NW). Der Berthold-Beitz-Boulevard soll die inneren Stadtringe vom Verkehr entlasten. Im Bauabschnitt 3.1 wird die Straße von der Frohnhauser Straße bis zur Hans-Böckler-Straße durchgestreckt, samt Gleistrasse und Unterführung für die Straßenbahn. Zudem soll sie Grundvoraussetzung für ein neues Linienkonzept im Nahverkehr sein.
Im November 2022 beschloss der Rat den Bau mit Kosten von 27 Mio. Euro. Schon damals hieß es, mögliche Preissteigerungen würden später nachgereicht. Was jetzt nachgereicht wird, ist allerdings mehr als der ganze ursprüngliche Betrag: Der Rat soll 29,167 Mio. Euro mehr bewilligen, insgesamt 56,167 Mio. Euro.
Der Baugrund hielt einiges bereit. Die Verfüllung von Bergbaustollen begann bereits 2022 und soll erst 2026 enden. Dafür fielen rund 8 Mio. Euro an, die nicht eingeplant waren, also knapp 30 Prozent des damaligen Gesamtbudgets (8 : 27). Einen Gremienbeschluss holte die Verwaltung dafür zunächst nicht ein. Ihre Erklärung lautet, der Aufwand sei nicht vorhersehbar gewesen. Hinzu kommt ein Trümmerschuttberg an der B 224, dessen Abtrag wegen asbesthaltigen Materials gestoppt werden musste. Allein für die Entsorgung des Rests setzen die beteiligten Firmen rund 5 Mio. Euro an. Die Erdarbeiten kosten 7,5 Mio. Euro, dazu kommt eine Million für Kampfmittel und den Japanischen Staudenknöterich. Weil oberhalb der Trasse inzwischen ein Trainingszentrum der Polizei entsteht, braucht es zudem statt einer Böschung eine Bohrpfahlwand. Mit weiteren Stützwänden sind das rund 5,2 Mio. Euro.
Die Bauzeit verschiebt sich von Ende 2025 auf Ende 2029, also um knapp vier Jahre. Die Straßenbaupreise stiegen seit 2021 um rund 42 Prozent. Nach Abzug üblicher 2,5 Prozent pro Jahr führt die Verwaltung 36 Prozent auf Krisen und die lange Bauzeit zurück.
Von der Förderung wird nicht alles aufgefangen. Nach der Änderungsanzeige beträgt sie 32,5 Mio. Euro (rund 58 Prozent). Der Eigenanteil der Stadt liegt bei 23,6 Mio. Euro, 12,5 Mio. Euro davon entfallen auf die Erhöhung.
Kritik
Wer eine Straße mit Straßenbahntrasse baut, muss den Untergrund kennen, bevor er dem Rat eine Summe nennt. Die 27 Mio. Euro von 2022 waren offenbar eine Zahl ohne belastbare Grundlage, denn schon im Jahr des Beschlusses lief die Stollenverfüllung. Dass rund 8 Mio. Euro ausgegeben wurden, ohne dass der Rat darüber entscheiden konnte, hat mit sauberer Haushaltsführung wenig zu tun. Gründlichere Baugrunderkundung vorab und ein Zwischenbeschluss, sobald die Mehrkosten absehbar waren, hätten dem Rat die Chance gegeben, rechtzeitig zu steuern.
0836/2026/6: Erhöhung der zu veranschlagenden Baukosten der Maßnahme "Berthold-Beitz-Boulevard, BA 3.1", Ratsinformationssystem der Stadt Essen, 8. Juli 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.