300.000 Euro für begossene Steinstapel
Hannover zahlt 300.000 Euro für drei Stapel alter Mühlsteine an einer Straße, die mit Trinkwasser aus der Leitung nass gehalten werden
Was ist passiert?
Die Prinzenstraße gilt als Rückseite des Kulturdreiecks und ist gerade neu gebaut worden. Stehen geblieben sind dort alte Straßenbahnmasten, die keine Funktion mehr haben. Ein Kunstwettbewerb sollte der Straße ein Gesicht geben. Aus rund 180 Bewerbungen kamen acht Teilnehmer in die Endrunde.
Gewonnen hat der Entwurf „Alte Sachen“. Auf drei der ausgedienten Masten vor dem Schauspielhaus sollen Mühlsteine gestapelt werden, zwei der Stapel erhalten eine Bewässerung. Das kalkhaltige Leitungswasser soll über die Steine laufen und verdunsten, bis darauf Kalktuff, Algen, Flechten und Moose wachsen. Am Fuß der beiden nassen Stapel kommt je ein etwa zweieinhalb Meter langer Tuffriegel hinzu, der das Restwasser aufsaugt. Die Steine wollen die Künstler selbst zusammentragen: Sie kaufen laut Entwurf einen Kran-LKW und holen jeden Stein persönlich ab, gefunden über Kleinanzeigen. Die Eindrücke sollen über einen eigens eingerichteten Social-Media-Account erscheinen, am Ende soll eine Publikation mit den Mühlsteingeschichten stehen.
Die Stadt veranschlagt 300.000 Euro, gebucht als Erwerb von beweglichem Sachvermögen. Auf die drei Stapel gerechnet sind das 100.000 Euro je Stapel (300.000 Euro geteilt durch drei). Wie sich der Betrag zusammensetzt, nennt die Vorlage nicht. Die Gremien stimmten durchweg zu, Kultur-, Bau-, Haushalts- und Verwaltungsausschuss sogar einstimmig. Die Begründung der Verwaltung: Das verdunstende Wasser kühle und binde Feinstaub, das Werk diene damit der Klimaverbesserung. Ein Kreislauf ist ausdrücklich nicht vorgesehen, das Wasser kommt frisch aus der Leitung.
Geld aus Brüssel soll helfen. Das Vorhaben läuft im EU-Programm „Resiliente Innenstädte“ mit einer Förderquote von 40 Prozent. Zugesagt ist ein Zuschuss für das Programm, für die Einzelmaßnahme steht die Genehmigung aber noch aus. Wird voll gefördert, sind das 120.000 Euro (40 Prozent von 300.000 Euro), und 180.000 Euro bleiben an der Stadt hängen. Fällt die Förderung aus, zahlt Hannover die gesamten 300.000 Euro.
Kritik
Für 300.000 Euro bekommt die Stadt drei Steinstapel an Masten, die ohnehin niemand mehr braucht, und eine Bewässerung, die Trinkwasser bewusst verdunsten lässt. Das Klimaargument überzeugt kaum, wenn der Kühleffekt von drei Stapeln auf einer einzigen Straße mit laufendem Wasserverbrauch erkauft wird. Dass die Künstler dafür eigens einen Kran-LKW anschaffen und die Steine selbst einsammeln, macht aus einer Skulptur ein teures Beschaffungsprojekt samt Social-Media-Begleitung. Wer Kunst im Stadtraum will, sollte sie so planen, dass Anschaffung und Betrieb in einem erkennbaren Verhältnis zum Ergebnis stehen, und nicht erst auf die Fördergenehmigung hoffen, während der Ratsbeschluss schon gefasst ist.
1678/2026: Umsetzung Siegerentwurf Kunstwettbewerb Prinzenstraße, Ratsinformationssystem der Stadt Hannover, 28. August 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.