Karlsruher Hafenhallen: Abriss vergessen
Karlsruhe wollte alte Hallen im Rheinhafen für 1,4 Mio. Euro verkaufen, erhält aber nur 460.000 Euro, weil die Stadt die eigenen Abrisskosten übersah
Was ist passiert?
Im Karlsruher Rheinhafen liegt an der Wikingerstraße 10 ein gut 10.000 Quadratmeter großes Gewerbegrundstück mit alten Lager- und Produktionshallen. 2022 zog die Stadt über ihren Eigenbetrieb Gewerbeflächen das Vorkaufsrecht. Dort sollte ein Gründer- und Gewerbezentrum für Handwerk und kleine Betriebe entstehen, das Arbeitsplätze und Steuereinnahmen bringen würde.
Daraus wurde nichts. Die Verwaltung prüfte das Planrecht und ließ eine Machbarkeitsanalyse erstellen. Das Ergebnis: großer Verfahrensaufwand für wenig neue Fläche, Mieten, die weder Gründer noch etablierte Betriebe tragen könnten, und ein Neubau, den die Stadt nicht finanzieren kann. Ab Mai 2023 vermietete sie die Hallen deshalb an eine Tochterfirma der RH Holding. Da ein baldiger Abriss vorgesehen war, floss nur das Nötigste in den Unterhalt. Starkregen im Sommer 2025 setzte den Gebäuden zusätzlich zu.
Im September 2025 beschloss der Gemeinderat, das Grundstück für 40 Jahre im Erbbaurecht an die RH Holding zu vergeben und ihr die Gebäude für 1,4 Mio. Euro zu verkaufen. In den Büchern standen sie zum Jahresende 2025 mit knapp 1,76 Mio. Euro. Nach dem Beschluss stellte die Verwaltung fest, dass vor allem das Lagerhallendach nicht mehr zu retten ist und die Bauten wirtschaftlich nur noch Abrissmasse sind. Ganz neu war diese Erkenntnis nicht: Die Rückbaukosten von mindestens 1 Mio. Euro hatte das städtische Tiefbauamt bereits 2022 ermittelt. Im Gutachten, auf das sich der Gemeinderat stützte, tauchten sie nicht auf.
Das fortgeschriebene Gutachten kam im November 2025 auf 460.000 Euro, im Februar 2026 stimmte der Gemeinderat ohne Gegenstimme zu. Die Käuferin will die marode Halle ohnehin abreißen und für mehr als 8 Mio. Euro neu bauen. Die Stadt nimmt 940.000 Euro weniger ein als beschlossen (1,4 Mio. minus 460.000 Euro). Um diese Lücke über den Erbbauzins von rund 66.000 Euro im Jahr zu schließen, braucht es gut 14 Jahre (940.000 geteilt durch 66.046 Euro). Gegenüber dem Buchwert fehlen knapp 1,3 Mio. Euro. Mögliche Altlasten in den Gebäuden sind in keiner Rechnung enthalten. Auf der Habenseite stehen Nettomieten von gut 500.000 Euro seit 2023.
Kritik
Die Stadt hat ein Grundstück für ein Vorhaben erworben, das sich als nicht finanzierbar erwies, und die Gebäude danach bewusst verfallen lassen. Dass der Gemeinderat zunächst über einen Preis abstimmte, in dem die eigenen, seit 2022 bekannten Abrisskosten fehlten, zeugt von mangelnder Sorgfalt im Umgang mit öffentlichem Vermögen. Bevor ein Gremium über einen Verkauf entscheidet, gehören alle im Haus vorhandenen Zahlen in das Gutachten. Und bevor eine Stadt ein Vorkaufsrecht zieht, muss klar sein, ob sie das geplante Projekt überhaupt bezahlen kann.
2026/0026: Bestellung eines Erbbaurechtes an dem Grundstück Nr. 14590 mit 10.007 qm, Gebäude- und Freifläche, Wikingerstraße 10 zugunsten der Firma RH Holding GmbH, Ratsinformationssystem der Stadt Karlsruhe, 19. Januar 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.