Staatsbilanz

Stadt/Pforzheim/Fehlplanung

710.000 Euro für Arztpraxis ohne Ärzte

Pforzheim steckte 710.000 Euro in eine städtische Arztpraxis, die 2025 rund 270.000 Euro Verlust machte und seit Juli keinen Arzt mehr hat

Was ist passiert?

Der Gemeinderat gründete 2024 ein eigenes Medizinisches Versorgungszentrum als städtische GmbH. Es sollte die ambulante Versorgung im hausärztlichen und kinderärztlichen Bereich stabilisieren und verbessern, und nach fünf Jahren sollte es sich selbst tragen. Für Gründung und Startphase stellte die Stadt 360.000 Euro bereit, 2025 kam eine Kapitalrücklage von 350.000 Euro hinzu. Zusammen sind das 710.000 Euro.

Der Start verlief anders als geplant. Im ersten vollen Geschäftsjahr 2025 stand ein Jahresfehlbetrag von 269.533,21 Euro in den Büchern. Das sind rund 22.500 Euro Verlust pro Monat (269.533 Euro : 12). Eingeplant waren nur 150.000 Euro Defizit, der tatsächliche Verlust lag also bei etwa dem 1,8-Fachen. Ein Minus sei wegen der Praxiseinrichtung und der Übernahmekosten zu erwarten gewesen, räumt die Stadt ein. Entscheidend war aber etwas anderes: Die Behandlungszahlen lagen deutlich unter dem landes- und bundesweiten Durchschnitt, die Einnahmen blieben entsprechend zurück.

Zum Ausgleich will die Stadt die 150.000 Euro für das geplante Defizit einsetzen und zusätzlich 73.300 Euro, die eigentlich für eine mögliche Ausweitung einer Allgemeinarztpraxis vorgesehen waren. Zusammen sind das 223.300 Euro. Es bleiben rechnerisch rund 46.000 Euro offen (269.533 Euro minus 223.300 Euro). Die Stadt spricht davon, dass damit der wesentliche Teil des Fehlbetrags ausgeglichen werden könne.

Für 2026 sieht es nicht besser aus. Die Behandlungszahlen blieben auch im ersten Halbjahr deutlich unter den Vergleichswerten. Dann kündigten die beiden angestellten Ärzte. Seit dem 1. Juli arbeitet die GmbH ohne ärztliches Personal und kann daher kein Einkommen erwirtschaften. Zum 1. August wechselte die Geschäftsführung. Bis zum Jahresende soll eine Perspektive für die Wiederaufnahme des Betriebs stehen, andernfalls müsse über „alternative Szenarien“ entschieden werden. Der Gemeinderat soll am 17. November über die Zuschüsse beschließen.

Kritik

Ein Versorgungszentrum, das nach fünf Jahren auf eigenen Beinen stehen soll, aber schon im ersten vollen Jahr fast das Doppelte des geplanten Defizits einfährt, war offenbar mit zu optimistischen Zahlen geplant. Die Stadt hat ihr Vorhaben von nur zwei Ärzten abhängig gemacht und für deren Ausfall keine Vorsorge getroffen. Jetzt läuft eine Praxis ohne Ärzte weiter, und die Zuschüsse fließen trotzdem. Vor einem Einstieg mit 710.000 Euro Steuergeld hätten realistische Behandlungszahlen, feste Bindungen der Ärzte und klare Verlustgrenzen für den Ausstieg festgelegt werden müssen.

2000745: Defizitbezuschussung der Gesundheitszentrum Pforzheim MVZ GmbH, Ratsinformationssystem der Stadt Pforzheim, 22. Oktober 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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