Staatsbilanz

Stadt/Pforzheim/Finanzrisiko

710.000 Euro für eine leere Kinderarztpraxis

Pforzheim steckte 710.000 Euro in eine eigene Kinderarztpraxis, die 2025 knapp 270.000 Euro Verlust machte und nun ohne Ärzte schließt

Was ist passiert?

Ärzte für Kinder sind knapp, auch in Pforzheim. Die Stadt gründete deshalb 2024 eine eigene GmbH, die ein Medizinisches Versorgungszentrum für Kinder- und Allgemeinmedizin betreiben sollte. Zum 1. Januar 2025 übernahm das MVZ eine bestehende Kinderarztpraxis samt Personal. Allein der Patientenstamm kostete 100.000 Euro. Im Juli 2025 zog der Betrieb in neue Räume, deren Einrichtung und Ausstattung mit rund 132.000 Euro zu Buche schlugen.

Doch die Patienten blieben aus. Im Schnitt kamen je Quartal 920 Kassen- und 35 Privatpatienten. Eine Praxis mit derselben Ärztezahl erreicht in Baden-Württemberg laut Lagebericht 1.500 Fälle, bundesweit sogar 1.783. Das MVZ lag also bei gut der Hälfte des bundesweiten Werts (955 von 1.783). Der Umsatz betrug 401.000 Euro, der Personalaufwand 468.000 Euro. Unter dem Strich stand ein Jahresfehlbetrag von 269.533 Euro, rechnerisch rund 738 Euro für jeden Tag des Jahres (269.533 Euro geteilt durch 365). Die Anlaufphase dauere länger als erwartet, so die offizielle Begründung. Eine geplante Stelle für einen Assistenzarzt wurde gestrichen, weil sie nur weitere Kosten gebracht hätte.

Am 11. November 2025 beschloss der Gemeinderat, die Kapitalrücklage um 350.000 Euro auf 685.000 Euro aufzustocken. Mit dem Stammkapital von 25.000 Euro hat die Stadt damit 710.000 Euro in die Gesellschaft gesteckt.

Dann kam der nächste Schlag: Im zweiten Quartal 2026 verließen beide angestellten Kinderärzte das MVZ. Zum 1. Juli 2026 wurde der Patientenbetrieb eingestellt, den Patientenstamm schrieb die Gesellschaft außerplanmäßig um 70.000 Euro ab. Für 2026 wird erneut ein Verlust auf dem Niveau von 2025 erwartet. Bleiben wird der Mietvertrag der Praxisräume mit 326.727 Euro Restverpflichtung für neun Jahre.

Nun soll an gleicher Stelle eine hausärztliche oder womöglich wieder eine kinderärztliche Praxis neu starten. Ob die Stadt das bezahlt, entscheidet der Gemeinderat noch. Die Wirtschaftsprüfer weisen darauf hin, dass der Fortbestand der GmbH bestandsgefährdet ist.

Kritik

Eine Stadt, die eine Praxis samt Personal für 100.000 Euro Patientenstamm kauft, muss wissen, dass sie die Ärzte auch halten muss. Mit gut der Hälfte der üblichen Fallzahlen konnten die hohen Fixkosten für Personal, Miete und Ausstattung nie gedeckt werden. Als im Herbst 2025 weitere 350.000 Euro bewilligt wurden, hätte man den Betrieb an belastbaren Zielen messen und die Ärztebindung absichern müssen. Vor einem neuen Anlauf sollte der Gemeinderat erst dann Geld freigeben, wenn Personal und Patientenzahlen vertraglich und nachprüfbar gesichert sind.

2000719: Jahresabschluss 2025 der Gesundheitszentrum Pforzheim MVZ GmbH, Ratsinformationssystem der Stadt Pforzheim, 22. Oktober 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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