Staatsbilanz

Stadt/Stuttgart/Kostensteigerung

Alte Sportklinik ohne Prüfung verplant

Stuttgart baut eine alte Sportklinik in Bad Cannstatt für Geflüchtete um: 3,33 statt 1,65 Millionen Euro, weil vorher niemand die Bausubstanz prüfte

Was ist passiert?

Die Landeshauptstadt muss als untere Verwaltungsbehörde Geflüchtete unterbringen. Im März 2025 lebten rund 2.500 von ihnen in Notunterkünften, in denen sie nicht selbst kochen konnten. Seit 2022 hat der Gemeinderat deshalb Standort um Standort für Modul- und Containerbauten beschlossen. Mit der fünften Tranche legte die Verwaltung neue Projekte vor und dazu Nachforderungen von 6,4 Mio. Euro für drei bereits beschlossene Vorhaben.

Am deutlichsten fällt die Rechnung in der Wolframstraße in Stuttgart-Nord aus. Beschlossen waren 2023 Container für 162 Menschen zu 4,45 Mio. Euro. Nun sollen sie 5,365 Mio. Euro kosten und nur noch 102 Menschen Platz bieten. Je Platz sind das statt rund 27.500 Euro (4,45 Mio. : 162) jetzt rund 52.600 Euro (5,365 Mio. : 102). Als Grund nennt die Verwaltung, dass erstmals zweigeschossig gebaut werde, was Brandschutz und Tragwerk verteuere. Außerdem ersetze eine Luft-Wärmepumpe die Elektroheizung und habe sich nach etwa drei Jahren bezahlt gemacht. Den Generalunternehmer habe man zudem um 15,5 Prozent heruntergehandelt. Wie viel teurer es ohne diese Verhandlung geworden wäre, mag man sich kaum ausmalen.

In Bad Cannstatt soll die ehemalige Sportklinik zur Unterkunft werden. Die erste Kostenschätzung entstand nach eigener Aussage der Verwaltung unter Zeitdruck und ohne Untersuchung der Bausubstanz, Bauteile wurden nicht geöffnet. Erst später zeigte sich, dass der Rückbau des alten OP-Bereichs viel aufwendiger ist. Die Kosten verdoppeln sich von rund 1,65 auf 3,33 Mio. Euro. Die Verwaltung tröstet sich damit, dass der Platz bei 286 Betten noch immer nur rund 11.600 Euro koste.

Die 1,68 Mio. Euro für die Klinik waren nicht finanziert und sollten in den Nachtragshaushalt. Die übrigen 4,755 Mio. Euro sollen aus Einsparungen früherer Tranchen kommen, die erst noch erwartet werden. Auf Projekt- und Baubeschlüsse wird wegen Dringlichkeit verzichtet. Der Gemeinderat beschloss die Vorlage am 10. April 2025 in geänderter Fassung.

Kritik

Zeitdruck erklärt vieles, aber nicht, warum eine Kostenschätzung für einen Klinikumbau ohne einen einzigen Blick in die Bausubstanz vorgelegt wird. In der Wolframstraße zahlt die Stadt am Ende fast doppelt so viel je Bett, weil sie mit einer neuen Bauweise experimentiert, deren Auflagen vorher bekannt sein mussten. Wer Mehrkosten mit Einsparungen bezahlt, die es noch gar nicht gibt, verschiebt das Problem nur. Gerade wenn Beschlüsse aus Dringlichkeit entfallen, müssen die Zahlen beim ersten Mal stimmen.

0167/2025 BV: Errichtung von Flüchtlingsunterkünften (Tranche 5) 1. Neue Modulbaustandorte 2. Umnutzung von Bestandsgebäuden 3. Kostenerhöhung bereits beschlossener Standorte, Ratsinformationssystem der Stadt Stuttgart, 11. März 2025. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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