Staatsbilanz

Stadt/Stuttgart/Kostensteigerung

Stuttgart findet Bienen erst nach Baubeginn

Fast 4 statt 2,1 Millionen Euro kostet eine Brückensanierung in Stuttgart, weil geschützte Wildbienen erst nach Baubeginn auffielen

Was ist passiert?

Stuttgart (BW). Die Neue Weinsteige, ein Abschnitt der Bundesstraße 27, führt vom Ernst-Sieglin-Platz hinauf nach Degerloch. Auf der Talseite sind Gehwege, Geländer und Hangsicherungen schadhaft, die Stadt erneuert sie in mehreren Bauabschnitten. Im dritten ist die Hangbrücke an der Reihe, ein Bauwerk mit erheblichen Schäden. Das Sanierungskonzept wurde geplant, ausgeschrieben und vergeben, im Mai 2023 begannen die Arbeiten.

Bei den Vorbereitungen entdeckte man dann in den Böschungen unter der Brücke Wildbienen. Untersuchungen ergaben, dass es sich um Arten handelt, die nach der Bundesartenschutzverordnung streng geschützt sind. Unter der Brücke wurde sofort alles eingestellt. Fertig wurde nur die Abdichtung der Fahrbahn, die mit der Böschung nichts zu tun hat. Den Rest des Auftrags kündigte die Stadt.

2024 folgten umfassende Untersuchungen zu Lebensräumen und Verbreitung der Bienen, danach eine grundlegend neue Planung. Statt mit dem Hochdruckwasserstrahl soll der Beton nun mechanisch abgetragen werden, damit kein Wasser in den Hang gelangt. Die Gerüste sollen hängend ausgeführt werden, um die Böschung zu schonen. Der Randträger soll nicht mehr abgerissen und neu gebaut, sondern nur verstärkt und bereichsweise umgebaut werden. Gebaut wird also weniger, bezahlt wird mehr.

2023 waren für den Abschnitt 2,095 Mio. Euro beschlossen worden. Laut Vorlage vom Mai 2025 sind es nun 3,955 Mio. Euro, ein Plus von 1,86 Mio. Euro oder knapp 89 Prozent. Am stärksten wachsen die Planungskosten: statt 351.000 Euro nun 1,03 Mio. Euro, fast das Dreifache. Damit geht mehr als jeder vierte Euro des Abschnitts an die Planung (1,03 von 3,955 Mio. Euro), vorher war es etwa jeder sechste (0,351 von 2,095 Mio. Euro). Die Verwaltung führt die Mehrkosten als „unabweisbare Bauherrenrisiken“ und deckt sie aus einer Pauschale für Baupreissteigerungen und Bauherrenrisiken. Die Bauarbeiten sollen ab Sommer 2025 weitergehen.

Kritik

Geschützte Arten in einer Böschung tauchen nicht über Nacht auf. Wer an einem bewachsenen Hang baut, muss vor der Ausschreibung klären, was dort lebt, und nicht erst, wenn der Auftrag vergeben und die Baustelle eingerichtet ist. So zahlt die Stadt für einen gekündigten Bauauftrag, eine zweite Planung und am Ende eine Sanierung, die weniger umbaut und trotzdem fast doppelt so viel kostet. Dass diese Mehrkosten als unvermeidbares Risiko verbucht werden, ändert nichts daran, dass sie vermeidbar gewesen wären.

0462/2025 BV: Neue Weinsteige Instandsetzung Stützwandkopf und Sanierung Geländer, Instandsetzung der Hangbrücke - Mittelerhöhung Bauabschnitt 3 Hangbrücke, Ratsinformationssystem der Stadt Stuttgart, 20. Mai 2025. Zahlen gegen die Vorlage geprüft. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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