Staatsbilanz

Stadt/Stuttgart/Kostensteigerung

Einäscherungsanlage: Undichtes Dach vergessen

Stuttgart baut die Einäscherungsanlage am Pragfriedhof für 25,9 statt 14,2 Millionen Euro um, weil bekannte Schäden nicht eingeplant waren

Was ist passiert?

Das Krematorium auf dem Pragfriedhof im Stuttgarter Norden ist ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung. Seine Öfen haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und lassen sich nicht mehr reparieren. Im Mai 2023 beschloss der Gemeinderat deshalb ein Vorprojekt: zwei neue Ofenlinien in einem unterirdischen Anbau hinter dem Gebäude, damit das Denkmal von außen unverändert bleibt. Veranschlagt waren rund 14,2 Mio. Euro netto.

Drei Jahre später sieht die Rechnung anders aus. Im Zuge der Planung habe sich herausgestellt, dass bisher isoliert betrachtete Maßnahmen zwingend zusammen mit den Öfen umgesetzt werden müssten, heißt es in der Vorlage. Gemeint sind ein undichtes Flachdach, durch das bereits Wasser in die Bausubstanz eindringt, verschlissene Haustechnik mit Brandschutzklappen aus Asbest, veraltete Kühlräume, ein Fernwärmeanschluss und eine neue Anlieferung, über die Bestatter künftig rund um die Uhr Verstorbene bringen und Urnen abholen können. Zusammen kosten diese Posten 10,41 Mio. Euro netto. Neu sind diese Baustellen nicht. Sie standen bisher nur nicht in der Rechnung.

Damit steht das Projekt bei 25,9 Mio. Euro netto, mit Prognose für künftige Baupreise bei 30,34 Mio. Euro. Die Verwaltung beziffert die Steigerung auf 64 Prozent, vergleicht dafür aber den alten Bruttobetrag mit dem neuen Nettobetrag. Auf gleicher Grundlage gerechnet (25,9 gegenüber 14,18 Mio. Euro netto) sind es rund 83 Prozent. Allein die Zusatzposten entsprechen fast drei Vierteln der ursprünglichen Summe (10,41 von 14,18 Mio. Euro).

Ausgelegt werden die neuen Öfen für bis zu 5.000 Einäscherungen im Jahr, im Regelbetrieb sind 3.000 angestrebt. Das Finanzreferat zeichnete die Vorlage zwar mit, merkte aber an, dass Unabweisbarkeit und Wirtschaftlichkeit nicht für alle Maßnahmen nachgewiesen seien. Zudem werde die größere Kapazität mehr Einäscherungen aus umliegenden Kommunen anziehen, ein kostendeckendes Entgelt sei anzustreben. Der Gemeinderat beschloss die Vorlage am 16. Juli 2026 ungeändert. Fertig sein soll der Umbau im Mai 2030.

Kritik

Wer ein denkmalgeschütztes Gebäude mit undichtem Dach und Asbest in der Lüftung umbaut, muss beides von Anfang an einpreisen. Mit der Summe von 2023 hat der Gemeinderat über ein Projekt entschieden, das es in dieser Form nie gab. Die Bündelung der Arbeiten mag sinnvoll sein, doch wenn das eigene Finanzreferat die Notwendigkeit nicht für alle Posten belegt sieht, hätten genau diese Posten herausgelöst und geprüft werden müssen, statt alles ungeändert durchzuwinken. Und wenn das Krematorium künftig verstärkt für das Umland arbeitet, müssen dessen Nutzer über kostendeckende Entgelte mitzahlen.

0451/2026 BV: Bauliche und technische Erweiterung des Krematoriums Pragfriedhof, Einbau zweier Ofenlinien - Projektbeschluss -, Ratsinformationssystem der Stadt Stuttgart, 13. Juli 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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