Ulm begrünt ein Sechstel Dach für 3,1 Millionen
Ulm will ein Sechstel des Dachs seiner alten Festung begrünen, obwohl für den eigenen Anteil von 620.000 Euro kein Geld im Haushalt ist
Was ist passiert?
Die Wilhelmsburg gilt als eines der eindrucksvollsten Zeugnisse deutscher Festungsarchitektur. Früher lag auf ihrem Dach eine begrünte Erdschicht, die vor Feuer schützte und den Bau tarnte. In den 1980er Jahren ersetzte die Stadt sie durch eine günstigere Blechkonstruktion. Kies, Bitumen und Blech gelten heute laut Verwaltung als dauerhaft nicht tragfähig.
Ein Bundesprogramm zur Klimaanpassung soll nun helfen, denn es übernimmt 80 Prozent der Kosten. Geplant sind ein neues Retentionsdach mit Begrünung und eine begehbare Dachpromenade. Die Grobkostenschätzung liegt bei 3,1 Mio. Euro, davon 2,48 Mio. Euro vom Bund und 620.000 Euro von der Stadt.
Das klingt nach einem großen Wurf, ist aber ein kleiner. Der erste Bauabschnitt reicht nur von der östlichen Südflanke bis zum Kehlturm und begrünt damit etwa ein Sechstel der Dachfläche. Rein rechnerisch kämen bei gleichen Kosten für das ganze Dach rund 18,6 Mio. Euro zusammen (6 × 3,1 Mio. Euro). Die Verwaltung selbst schrieb in ihrer Vorlage, die Stadt müsse trotz Förderung in den kommenden Jahren erhebliche Summen aufbringen, die im Haushalt weder geplant noch vorgesehen seien. Sie empfahl deshalb, den Antrag derzeit nicht zu stellen. Wenige Absätze weiter galt das Projekt im Fazit dann als „sehr gut“. Der Beschlussantrag sieht vor, die Förderung trotzdem zu beantragen.
Geld ist dafür nicht vorhanden. Für 2027 weist die Vorlage verfügbare Mittel von 0 Euro aus, in der Finanzplanung ab 2028 ebenfalls 0 Euro. Der Stadtanteil soll durch „Umschichtung und Priorisierung“ zusammenkommen. Bei den beiden anderen Projekten heißt es in derselben Vorlage, ohne Förderung seien sie nicht machbar, weil bereits zahlreiche priorisierte Maßnahmen beschlossen seien. Der Bund verlangt laut Projektaufruf eine gesicherte Gesamtfinanzierung, die Folgekosten trägt allein die Stadt. Im einleitenden Sachverhalt ist zudem nur von zwei Projektskizzen die Rede, nicht von drei. Am 24. Juni 2026 soll der Gemeinderat entscheiden, sechs Tage vor Fristende.
Kritik
Eine hohe Förderquote ist kein Grund, ein Projekt ohne Finanzierung anzustoßen, denn auch die 2,48 Mio. Euro vom Bund sind Steuergeld. Wer für 3,1 Mio. Euro ein Sechstel eines Dachs begrünt, legt sich auf ein Vorhaben fest, dessen Gesamtkosten und Folgekosten niemand beziffert hat. Dass die eigene Verwaltung abrät und der Antrag trotzdem gestellt werden soll, zeigt, wie schnell Fördergeld die Prüfung ersetzt. Richtig wäre gewesen, zuerst das ganze Dach durchzuplanen, die Finanzierung zu sichern und sich erst dann zu bewerben.
GD 237/26: Bundesprogramm "Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel", Ratsinformationssystem der Stadt Ulm, 24. Juni 2026. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.