60 Millionen für ein Programm, das kaum einer nutzt
Die Bundesagentur für Arbeit plante bundesweit über 60 Mio. Euro für Software ein, die nur jede fünfte Berufsberatung für Jugendliche nutzt
Was ist passiert?
Wenn junge Menschen den Weg von der Schule in den Beruf suchen, sind oft drei Stellen zuständig: die Agentur für Arbeit, das Jobcenter und das Jugendamt. In sogenannten Jugendberufsagenturen arbeiten sie zusammen. Damit sie dabei Daten austauschen können, stellte die Bundesagentur für Arbeit 2021 das IT-System „YouConnect“ bereit. Es sollte nahezu bundesweit zum Einsatz kommen. Für Entwicklung und Betrieb plante die Bundesagentur über 60 Mio. Euro ein.
Die Jugendberufsagenturen hatten offenbar wenig Verwendung dafür. 2024 arbeitete nur jede fünfte der 367 Agenturen mit dem System. Viele gaben an, sie hätten es von Anfang an nicht gebraucht, weil sie sich vor Ort längst auf eigenen Wegen austauschten. Umfassend nachgefragt hatte die Bundesagentur vorher nicht. Teilt man die eingeplanten 60 Mio. Euro auf die rund 73 Nutzer auf (367 geteilt durch fünf), entfallen auf jeden von ihnen gut 800.000 Euro.
Ein Einzelfall ist das nicht. Beim System „ADEST“, das Stellenangebote per maschinellem Lernen in eine Datenbank überträgt, rechnete die Bundesagentur mit Einsparungen von knapp 30 Mio. Euro. Übersehen hatte sie, dass die Beschäftigten die Angebote ohnehin nicht vollständig von Hand erfassten. Die erwartete Ersparnis schrumpfte auf 16 Mio. Euro. Allein die Entwicklung kostete bislang 17 Mio. Euro.
Noch zäher verlief die Ablösung der Software „COSACH“, mit der 160 Förderleistungen bearbeitet werden. Beschlossen wurde sie 2018. Zunächst kam nur eine komplette Eigenentwicklung in Frage, erst nach und nach rückte der Kauf fertiger Software in den Blick. Bis die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung stand, vergingen mehr als sieben Jahre und über 10 Mio. Euro, im Schnitt also rund 1,4 Mio. Euro pro Jahr nur fürs Abwägen. Für den Weiterbetrieb des alten Systems bis 2030 sind weitere 12 Mio. Euro eingeplant. Die Bundesagentur verweist auf den außergewöhnlich hohen Aufwand wegen vieler Nutzer und Schnittstellen. Den Bundesrechnungshof überzeugte das nicht, er nennt die Planungsmängel „systemimmanent“.
Kritik
Wer 60 Mio. Euro für ein System einplant, muss vorher wissen, ob draußen überhaupt jemand darauf wartet. Eine gründliche Abfrage bei den Jugendberufsagenturen hätte die längst bestehenden Austauschwege ans Licht gebracht. Bei ADEST verschlingt schon die Entwicklung mehr, als die Automatisierung nach heutiger Rechnung einsparen soll, und bei COSACH kostet allein das jahrelange Zögern Millionen. Die Bundesagentur hätte bei jedem Vorhaben zuerst den tatsächlichen Arbeitsalltag erheben und von Beginn an alle Lösungen nebeneinanderlegen müssen.
Bemerkungen 2025: Bundesagentur für Arbeit plante IT-Systeme fehlerhaft (Nr. 25), Bundesrechnungshof, 28. April 2026. Zahlen gegen das Dokument geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand des Dokuments; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.