Land und Stadt zahlen 289 Mio. Euro für Theater auf Zeit
Land Baden-Württemberg und Stadt Stuttgart bezahlen je zur Hälfte 289 Mio. Euro für ein Ausweichquartier der Staatstheater, rund 171 Mio. Euro davon kommen nie zurück
Was ist passiert?
Der historische Littmann-Bau am Oberen Schlossgarten ist die wichtigste Bühne der Württembergischen Staatstheater. Dort erzielen Oper und Ballett den Großteil ihrer Karteneinnahmen von rund 18 Mio. Euro im Jahr. Das Haus ist alt und verschlissen, Land und Stadt wollen es von Grund auf sanieren. Samt Kulissenlager und Ausweichquartier soll alles im Jahr 2041 fertig sein.
Was das Ganze kostet, kann bislang niemand sagen. Auf Anfrage der SPD-Fraktion erklärte das Finanzministerium im September 2026, eine Gesamtkostenschätzung gebe es nicht, weil noch nicht alle Teilprojekte weit genug geplant seien. Ein Preis steht trotzdem schon fest: 289 Mio. Euro für die Interimsspielstätte, je zur Hälfte von Stadt und Land bezahlt.
Ein Teil davon ist auf Dauer gebaut. Diese Gebäudeteile sind mit rund 150 Mio. Euro veranschlagt und sollen nach zehn Jahren Theaterbetrieb noch etwa 100 Mio. Euro wert sein. Das Zuschauer- und Bühnenhaus dagegen ist ein Provisorium, das später verkauft werden soll. Rechnerisch kostet es rund 139 Mio. Euro (289 minus 150). Den möglichen Erlös hat die Stadt 2019 auf rund 18 Mio. Euro geschätzt, also etwa ein Achtel. Eine neuere Zahl hat das Ministerium nicht.
Unterm Strich verbraucht das Ausweichquartier damit rund 171 Mio. Euro (289 minus 100 minus 18). Auf zehn Spielzeiten verteilt sind das gut 17 Mio. Euro im Jahr, fast so viel, wie die Staatstheater jährlich an Karten einnehmen.
Bis die Sanierung 2033 beginnt, muss das alte Haus durchhalten. Der Bauunterhalt für die Staatstheater lag bis 2023 bei rund 3,44 Mio. Euro im Jahr, ab 2027 rechnet der Landesbetrieb mit 6,0 bis 7,5 Mio. Euro. Über sechs Jahre wären das 36 bis 45 Mio. Euro für ein Gebäude, das danach ohnehin saniert wird. Sicher ist der Betrieb dennoch nicht: Ausgefallene Vorstellungen oder gar eine Schließung schließt das Ministerium ausdrücklich nicht aus.
Kritik
Ein Ausweichquartier, das in zehn Jahren rund 171 Mio. Euro verbraucht, ist kein Notbehelf mehr, sondern ein eigenes Großprojekt. Gerade das Zuschauer- und Bühnenhaus, das nur etwa ein Achtel seiner Kosten zurückbringen soll, hätte deutlich bescheidener geplant werden müssen. Land und Stadt hätten zuerst den Gesamtpreis der Sanierung klären und erst dann über ein so teures Provisorium entscheiden dürfen. Je länger der Baubeginn auf sich warten lässt, desto mehr Geld versickert zudem im Flickwerk am alten Haus.
Drucksache 18/475: Antrag, Landtag Baden-Württemberg, 24. August 2026. Zahlen gegen das Dokument geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand des Dokuments; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.