Staatsbilanz

Stadt/Stuttgart/Fehlender Bedarf

Stuttgart zahlt für Räder, die eh gekauft wurden

Stuttgart gab 1.969 Familien unabhängig vom Einkommen Geld für ein Fahrrad mit Motor und Ladefläche, 57 Prozent hätten es auch so gekauft

Was ist passiert?

Von 2018 bis Ende 2025 bezuschusste die Landeshauptstadt Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind beim Kauf eines neuen E-Lastenrades. Das Rad sollte Autofahrten ersetzen und umweltfreundliche Mobilität im Alltag erleichtern. In acht Jahren erteilte die Stadt 2.553 Förderzusagen. 1.969 davon waren Grundförderungen, die jede Familie ohne Blick auf das Einkommen bekommen konnte. Einen erhöhten Satz für Haushalte mit FamilienCard oder Bonuscard+Kultur gab es erst ab 2020.

Im Abschlussbericht vom Februar 2026 lobt die Stadt das Programm als sehr positive Maßnahme, die wie in keiner anderen deutschen Großstadt im Stadtbild sichtbar sei. Grundlage ist eine eigene Befragung der geförderten Familien. Demnach werden die Räder fleißig gefahren. Aufschlussreicher ist eine Frage weiter hinten: Hätten Sie das Rad auch ohne Zuschuss gekauft? Von den Familien mit Grundförderung antworteten 14,7 Prozent mit „auf jeden Fall“ und 42,5 Prozent mit „eher ja“. Zusammen sind das 57,2 Prozent. Überträgt man diesen Anteil auf alle 1.969 Grundförderungen, ging der Zuschuss an rund 1.126 Familien, die ohnehin gekauft hätten (1.969 × 0,572).

Auch beim Auto fällt die Bilanz bescheidener aus, als der Bericht klingt. 59 Prozent der geförderten Familien haben weiterhin ein Auto, 12 Prozent sogar mehrere. Ein Auto abgemeldet haben 12 Prozent. Für drei Jahre ohne Pkw oder mit einem Pkw weniger zahlt die Stadt einen Nachhaltigkeitsbonus von 500 Euro. Für die Jahrgänge 2018 bis 2022 erhielten ihn bislang 234 von 1.047 Familien mit ausgezahlter Grundförderung, also gut jede fünfte.

Ganz anders sieht es bei den Familien mit Sozialförderung aus. Mit FamilienCard hätten nur 31,3 Prozent sicher oder vermutlich auch ohne Zuschuss gekauft, mit Bonuscard knapp 15 Prozent. Hier gab das Geld tatsächlich den Ausschlag. Was das Programm insgesamt gekostet hat, steht nicht im Abschlussbericht.

Kritik

Mehr als die Hälfte der Empfänger hätte die Förderung nach eigener Aussage nicht gebraucht. Damit war ein großer Teil des Programms Mitnahme auf Kosten der Steuerzahler. Die Stadt hat acht Jahre lang jede Familie unabhängig vom Einkommen bezuschusst, obwohl ihre eigene Befragung zeigt, dass das Geld vor allem bei Haushalten mit geringem Einkommen eine Kaufentscheidung ausgelöst hat. Wer mit Steuergeld Verhalten ändern will, muss die Förderung dort ansetzen, wo sie wirkt, und darf den Erfolg nicht am Stadtbild messen.

1224/2025 MV: Förderrichtlinie "E-Lastenräder für Stuttgarter Familien" - Abschlussbericht, Ratsinformationssystem der Stadt Stuttgart, 11. November 2025. Zahlen gegen die Vorlage geprüft, gerechnete Werte nachgerechnet. Maßgeblich ist der Stand der Vorlage; spätere Beschlüsse sind nicht berücksichtigt.

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